Weißer Sand

Ein Gitarrist reiste im Winter der Sonne nach. Hart am Meer und Wind mietete er sich einen Bungalow. Drin dachte er darüber nach, was in ihm erklang. Draußen hörte er der Luft in den gebeugten Kiefern zu. Ab und zu stand er auf und ging zum Strand, dessen Sand wie Zucker war – besonders schön auf zimtbrauner Haut. Zog da eine Kristalllinie auf dem dunklen Leib, betonte das Plastische, das Volumen der Frau.

Mit einer Mulattin kam der Gitarrist ins Gespräch. Sie sahen den Wellen zu und sich selbst, in mannigfacher Blendung, im Gesprüh. An seinen Haaren und Worten haftete Salz. In ihren Augen hob und senkte sich das Meer. Am Himmel ließ sich eine Kette Pelikane biegen und wiegen vom Passat. Sie badeten, legten sich zum Trocknen auf den Boden, bald über und über bepudert mit Sand. Als die Sonne unterging und unter Bambusstauden Hunde schnupperten an den Gräten eines vertilgten Fischs, verschwanden sie im Bungalow.

Das Stelldichein, erzählt der Gitarrist, sei schön gewesen, wahr, weich, wie geträumt – aber kurz. Das Bett hinterher bedeckt von feinem Sand. Er schob ihn mit den Handflächen zusammen. Zuhause gab er einem Glasbläser den Auftrag, eine Sanduhr zu fertigen. Diese füllte er mit jenem Sand …

Hundertmal am Tag sieht er jetzt zu, wie die Liebe verrinnt.

Aus: „Mehr Zeit als Leben“ – Erzählungen, 1996

 

 

Der nie versunkene Garten

Das Cecilia war eine aquatropische Garteninsel, mit Scharlachsichlern, Kuba-Amazonen und Tocororos, den Nationalvögeln. Mit Diadem-Kaiserfischen, Indigo-Barschen, Venusfächer-Korallen. Der Chefkoch trug mehrere Reihen grotesker Abzeichen auf seiner schwarzen Bluse, eine Collage, die ihn so oder ähnlich mal an der Uniform eines Militärattachés aus Nordkorea beeindruckt hatte. Sein Kaninchenbraten an Senfsauce, die Langosta al Termidor und seine Spargeln indes mundeten ausgezeichnet. Solange die Kunst stimmt, darf man sich auch der Lächerlichkeit preisgeben.

Ich musste kein „Ziel anpeilen“. Der Abend musste auch nirgends „hinführen“. Nichts Anderes würde diese goldene Zeitlücke jetzt je wieder schließen. Alle Geister waren ausbezahlt. Alles war ausgesperrt, bis auf die Zierfische, die Ibisse und Bromelien. Der nie versunkene Garten – er lächelte. Wir waren das erste Paar auf Erden.

Aus: „Das Glück der Flüchtigen“ – Roman